Unsere aktuelle
Diskussionsrunde

Was ist dran an der Portraitfotografie?

Am 8.Juli 2011 schreibt Margit Kern;

Hallo Hansi,

das Telefonat neulich mit Dir hat mich jetzt mit ein paar Tagen Verspätung auf die Idee gebracht, eine neue Diskussion auf unserer Homepage anzufangen. Wenn Du Deine Gedanken zur Portraitfotografie und was Dich daran so zunehmend interessiert nochmal in Worte gefasst als Beitrag schreibst, dazu könnte ich, und vielleicht auch noch ein paar mehr, was dazu sagen. Wir Portraitmenschen fragen uns nämlich schon die ganze Weile, was es ist, das Euch Werbemenschen daran in der letzten Zeit so ungeheuer fasziniert.

Gruß

Margit

Am 10.Juli 2011 schreibt Hansi:

Hallo Margit

Lass mich gleich ein paar Worte dazu verlieren. Wie Du ganz richtig und mit zunehmender Tendenz feststellen kannst, finden die Werbefotografen doch noch etwas an der Portraitfotografie. Wen wundert`s?
Zugegeben, die Portaitfotografie war etwas, das mein Großvater machte und wenn ich ehrlich bin, war das für mich als Kind eben staubig und roch nach alten Hintergrundstoffen und Laborarbeit. Die Kunden saßen oft viel zu lange in vollkommen abstrusen Haltungen auf dem Hocker und die Arbeit war von der Technik der Fotografie geprägt.

Demgegenüber gab die Werbefotografie, nachdem sie aus den technischen Lösungsmöglichkeiten entrückt werden durfte (etwas das ich sehr wohl noch in meiner Ausbildung vertiefte) schon sehr bald Möglichkeiten, mehr als nur die korrekte Darstellung eines Produktes nachzuvollziehen.

Werbefotografie war dann also sehr bald der fotografische Bereich, der mir die Möglichkeit gab, mit Bildern auch Geschichten erzählen zu können. Die Verknüpfung einer Technik mit der Möglichkeit, Inhalte zu transportieren war für mich immer faszinierend. Wie die Sprache mir die Freiheit lässt, nicht nur Preislisten und Speiesekarten zu erstellen, sondern auch literarische Texte zu formulieren. Im Bereich Sprache ist das allgemein verständlich. Aber was ist da mit der Fotografie? Es hat lange gedauert, Inhalte einzubinden. Aber immerhin, so allmählich verstehen das zumindest die Kollegen. Meine Kunden verstehen das nicht unbedingt und eine schlecht gemachte aber günstig produzierte Anzeigenseite mit dem eindeutig dargestellten Kundenprodukt wird eben in vielen Fällen immer noch favorisiert gegenüber einem aufwändig gestalteten literarischen Foto. Mich hält es jedenfalls immer noch nicht davon ab, meine Linie zu verfolgen, auch wenn ich nicht jedes Bildnis so bezahlt bekomme, wie ich es für richtig hielte.

Keine Angst Margit, ich habe das Thema nicht vergessen:

Erst in den letzten Jahren ist durch die Möglichkeiten der digitalen Fotografie eine totale Abkehr von der technikorientierten Portraitfotografie zur inhaltsorientierten Fotografie möglich geworden. Wenn ich von meiner eigenen Praxis ausgehe, wo kein Kunde mehr auf einen Sitz genagelt wird, sondern die Portaits im Gespräch in lockerer Athmosphäre stattfinden, entspicht das genau dem, was ich mir als Methode vorstelle. Ganz nebenbei sind auch die Ergebnisse abseits dessen, was ich als eherne Regeln über Jahrzehnte hinweg eingetrichtert bekam. Getreu dem Motto "In ist, was technisch machbar ist" (nicht von mir sondern von Dieter Woog, vielen Dank!) hat heute das businessorientierte Portrait auch einen gefestigten Stellenwert sowohl bei Umsatz als auch Inhalt meiner Ambitionen. Ich will es nicht verleugnen, dass ich erst mit meiner mir eigenen Methodik in der Portaitfotografie Fuss fassen konnte und auch dafür bekannt bin, dass meine Bilder eben anders sind.
Wie anders? Meine Portaits bestehen aus 10% Technik, zu 30% aus Körpersprache und aus 60% Psychologie. Ganz einfach. Und jetzt passt es auch zu mir. Ich kann zwar immer noch keine Bildchen für die Oma zu Weihnachten, aber das will ich auch immer noch nicht. Dafür kommen zu mir die Werbefuzzies, Rechtsanwälte und Professoren. Vielleicht doch ein Indiz für gehobene intellektuelle Anspüche?

Viele Grüße
Hansi